Rückblende vorwärts

Rainer Böhme
Geschichten aus, über und nach der DDR

Broschur, 62 Seiten
ISBN 978-3-933109-44-6
7,80 €

 

B_Bestellen

Erscheinungstermin: August 2018

 

Leseprobe

Der Witz (Auszug)

… Um der Wahrheit Genüge zu tun, es gab in diesem VP-Revier wie überall sowohl kluge und charakterfeste Kerle als auch abgestumpfte oder miese Typen. In Manfreds Dienstschicht war es aber nun mal so, dass gerade letztere die öffentliche Meinung beherrschten. Auf einen allerletzten Umstand, der für den Verlauf der Ereignisse in dieser Geschichte von Bedeutung ist, soll bei passender Gelegenheit noch hingewiesen werden.

In jener kalten Novembernacht nun, in der die hier zu beschreibenden Ereignisse ihren Anfang nahmen, zündete sich Willy Opitz eine Zigarette an der anderen an, während Manfred Schwarz wieder einmal mit der ihm vom Schicksal versagten allgemeinen Anerkennung haderte. „Los, wir wärmen uns ein wenig bei den Grenzern auf“, meinte Willy und marschierte schon in die entsprechende Richtung. Manfred überlegte, ob er etwas sagen sollte, verkniff es sich aber. Mit den Grenzern durfte laut Weisung nur bei Vorkommnissen Verbindung aufgenommen werden. Ansonsten hatten die Volkspolizisten die Straßen und Kleingartenanlagen, die Grenzer dagegen Mauern, Grenzstreifen, Stacheldraht und was alles dazugehörte unter Kontrolle zu halten. Gelang es jemanden mit Hilfe von Leitern, Stricken oder sonstigen Hilfsmitteln Westberlin zu erreichen, musste man zwar mit Kritik, bei nachweisbaren Versäumnissen auch mit Bestrafung, kaum aber mit dem Verlust des Kopfes rechnen. Nachdem sie mit den Grenzsoldaten eine Weile geschwatzt hatten und der Gesprächsstoff zu Fußball, Frauen und Autos erschöpft war, kamen sie auf die Unsinnigkeiten der Politik zu sprechen. Manfred hielt sich weitgehend aus dem Gespräch heraus. Zwar war er hier und da anderer Meinung, doch er wollte nicht wegen einer dummen oder ungeschickten Bemerkung von Willy vor den Grenzposten angezählt werden.

Er wartete auf den richtigen Moment, in dem er eine unumstrittene, sein Ansehen befördernde Äußerung einfließen lassen konnte. Als sie bei der schwierigen Frage Plan- oder Misswirtschaft angelangt waren, erzählte der Ältere der Grenzer einen Witz: „Unterhalten sich zwei. Fragt der erste: Weißt du, warum Erich immer den Mittag zu Wirtschaftsverhandlungen mitnimmt? Nein, sagt der zweite. Na, weil Erich nichts von der Wirtschaft versteht. Meint der zweite, aber der Mittag doch auch nicht. Richtig, erwidert der erste, bloß das weiß Erich nicht.“

Alle vier brachen in Gelächter aus. Am meisten bog sich Willy. Da er sich gar nicht beruhigen konnte, kam Manfred plötzlich eine Idee. Jetzt war endlich seine Stunde gekommen. Auf diesen Witz wollte er noch einen draufsetzen: „Kennt ihr übrigens den Unterschied zwischen Erich und einem besetzten Telefonanschluss?“ Die Grenzer verneinten und auch Willy konnte sich endlich beruhigen. „Da gibt es nur eins“, gab Manfred die Lösung zum Besten. „Du musst aufhängen und neu wählen.“

Der ältere Grenzer prustete nur einmal auf und schwieg dann wie der jüngere Soldat, der sich lediglich mit dem Finger an den Kopf tippte. „Schwachsinn!“ meinte Willy und trat aus ihm später selbst nicht erklärlichen Gründen seine eben erst entzündete Zigarette aus. „Komm, wir müssen weiter“, trieb er den enttäuschten Manfred an, der nicht verstehen konnte, warum er mit seinem Witz nicht auf die gleiche Resonanz stieß wie sein Vorredner.

Willy Opitz war so realistisch, sich nicht für ein großes Genie zu halten, das eben Gehörte gab ihm jedoch zu denken. Im Grunde genommen gehört es, in die Kategorie „Vorkommnis“ eingestuft zu werden. Über Vorkommnisse aber war Meldung zu erstatten …